Im Vergleich zu Tanger sind Städte wie Paris real. Es gibt zeitliche Punkte, an denen sich die Stadt an der Seine festmachen lässt. Ich denke an ein imaginäres Gebilde, dem als Entwurf das Passagenwerk von Walter Benjamin zugrunde liegt. An ein metropolares Konvolut...
Bezugspunkte ähnlicher Art gibt es in Tanger nicht. Sie müssten erfunden werden, gefunden & entdeckt, & es können nur flüchtige Erscheinungen sein. Es ist die unbeschriebene Seite Tangers, die aus der Stadt (als Nicht-Ort) einen Zufluchtsort des aus allen Bezügen geworfenen, heutigen Bewusstseins macht. Vielleicht geht darauf die Einsamkeit zurück, die ich hier empfinde, die Einsamkeit des menschlichen Geistes oder eines Teiles von ihm, wie ihn wahrscheinlich Paul Bowles am eindeutigsten repräsentiert.
Das Geheimnis Paul Bowles bleibt eine wahrhaft spirituelle Ikone. Unentschlüsselt. Weit entrückter als die Gestalt von Burroughs, der als einsamer Ritter des 20. Jahrhunderts seinen Platz finden wird.
Bowles ist unergründlicher. Seine scheinbare Offenheit ist Teil seiner Unergründlichkeit. Sie ist zen-artig. Alles, was er sagt oder geschrieben hat, erscheint mir orakelhaft, auch & gerade wenn er plaudert. Meisterhaft versteht er sich auf die vergessene Kunst der Konversation. In allem, was er sagt, drückt er aus, dass nichts zu verraten oder zu ergründen ist, weil es keine Geheimnisse gibt. Aber gerade weil er sich nicht verschliesst, weil er sich jedem & allem offenbart, hat er sich einen Sinn für das Geheimnishafte bewahrt. Das ist die Kraft, die ihn zum einem personifizierten Orakel macht.
Nicht seine Bücher, auch wenn sie in ihrer Unergründlichkeit zeitlos sind. Auch existentiell im Sinn einer Bedrohung, die im auslaufenden 20. Jahrhundert immer deutlicher wird. Ulysses (Bloom) ist übrigens eine Figur, in der das schon sehr früh sichtbar wird. Ich habe erst kürzlich wieder nach langer Zeit im ULYSSES geblättert, & es war wie ein Nachhausekommen. Dublin, Tanger (im Naked Lunch) sind Orte, die davor bewahrt geblieben sind, ihre Magie ganz zu verlieren, weil sie in Büchern (im Bewusstsein) aufbewahrt ist.
Das ist es, was Bücher lebenswichtig macht. Sie sind Zeichen, die im Ozean des Verschwindens sichtbar bleiben.
Was interessiert mich das Totengeläut, das um die literarische Dimension veranstaltet wird? Soziologisch mag es ein Phänomen sein, aber das Bewusstsein geht darüber hinweg. Alles ist, wie es sein wird, & das Ende ist gut, wie Benn sagt.

Absurd, hier in Tanger von Wüste zu sprechen. Aber Wüste geistert durch diesen Ort, sie ist assoziativ mit ihm verbunden.
Wer die Wüste sucht, wird sie in der Einsamkeit finden.
Ich habe manchmal von der Prärie gesprochen, der pan-amerikanischen Form der Wüste. Pampa. Es war immer eine elektronische Prärie mit ihrer technogenen Vegetation. Aber tatsächlich ist es eine Wüste, die heraufzieht, eine Fläche, die allmählich Geografie & Geschichte verschlingt. Das ist der Grund für das neue Interesse an der Wüste & dem Nomadentum, für das, was leer & ortlos sein wird, durch das sich der Mensch als Wanderer bewegt, um in der Landschaft der Wörter & Zeichen zu bestehen.
Im null-dimensionalen Chaos der Wüste, den Sandpartikeln, die bei Nah-Betrachtung bizarr geformte Körner sind, muss sich das Auge seine eigenen Inhalte & Modelle zurechtlegen. Sie werden nicht geliefert, sie sind nicht mehr abzulesen, sondern ergeben & verändern sich. Unfassbar & unsichtbar. Wo das Unwahrscheinliche Fata Morgana ist, & das Informative unsagbare Formen annimmt...
Begriffe verschieben sich. Glück, Augenblick, Erinnerung, Liebe? Sie verändern sich mit der wechselnden Kulisse des Himmels. Sie verschieben sich mit einem Gang durch die Medina & werden zu architektonischen Versatzstücken.
Mir scheint, das Licht verbrennt das Beiwerk der Begriffe, & sie treten in ihrer Nacktheit in Erscheinung. Nackte Körper, klares Wasser, in Stein gehauene Ornamente, das gleichmässige Plätschern eines Springbrunnens, der Blick einer Araberin, die Independence von der American Export Line, das Schlagen der Lifttür, die in Stein gehauenen Zedern auf den Mauern eines Palastes in der Medina, ein Glas Minztee nach dem Essen, ein toter Hammel auf der Ladefläche eines Dreirads...

Heute ist es sonnig, aber kalt. Ich lese Choukri, & dieselbe Kälte, die ich spüre, kommt mir aus seinem Buch entgegen. Das nackte Brot. Es ist die Kälte des Elends. Selbst Leidenschaft ist davon geprägt. Es ist eine kalte Lust, die Abkühlung sucht.
Marokko ist wirklich ein anderes Land. Es ist kein nördliches & auch kein südliches Land. Es ist nicht europäisch & auch nicht arabisch. Irgendwie sehe ich es als Niemandsland, trotz aller Reize & Schätze, die es hat. Es ist mir nicht fremd, aber ich kann auch nichts Vertrauliches finden. Keine Sehnsucht verbindet mich mit ihm. Es ist ein Land aus Licht & Schatten, & ich weiss nie, in welchem der beiden ich mich gerade befinde. Im Schatten spüre ich das Licht, im Licht werde ich von Schatten berührt.
Ein Land, das nackt macht.

Nicht die Wüste des Bodens, sondern des Himmels.
Ich habe Paul auf sein Verhältnis zum Himmel angesprochen. Die Titel seiner Bücher The Sheltering Sky & Up Above the World haben mich darauf gebracht. Wie als Antwort gibt er mir einen Text mit der Überschrift SKY zu lesen, den er für einen Fotoband geschrieben hat. Darin heisst es, dass das unterschiedliche Licht unterschiedlichen Einfluss auf menschliches Handeln ausübt. Ein Gedanke, der vieles erklärt, was sonst als gegeben hingenommen wird. Er fasziniert mich, da Himmel das Metier des Piloten ist & auch eine romantische Ikone. Himmel ist mehr als Bild oder Kulisse. Er ist ein Element, das in Beziehung zu den Abläufen steht, die es umschliesst.
(Der Gedanke könnte im übrigen auch von Camus stammen, der im Fremden einen Mord mit der unerklärlichen Kraft des Lichts in Zusammenhang bringt. Der Täter führt aus, wozu ihn ein Lichtreflex verleitet. Er wird zu einem Instrument des Lichts & findet deshalb auch keinen Zugang zur Schuld seines Handelns & verharrt im irrealen Gefühl der Schuldlosigkeit. Es geschieht, weil es passieren muss.)
Ein Licht, das gewalttätig ist. Ein Licht, das nackt macht, vielleicht ein Grund, warum menschliche Nacktheit hier unvorstellbar ist. Die Nacktheit ist so evident, dass sie auch durch Kleidung nicht zu verhüllen ist. Tatsächliche Enthüllung wäre unerträglich, sie wäre tödlich.
Wenn ich die Augen schliesse, sehe ich einen roten Punkt, der von einer gelben Farbfläche umgeben ist. Was passiert, wenn sich die Gegenstände in Farben aufzulösen beginnen? Dann werden sie zu dem, was sie sind: Formen von Energie. Technisch sind sie Partikel, aber tatsächlich Energie.

Dieser Film ist ein Film, der sich vor das schiebt, was ich hier sehe, erlebe. Wie im Skript steht: "Alles erfüllt sich in fraktalen Wiedergaben, in mikroskopisch kleinen Bruchstücken." Diese Aufsplitterung ist universell, in mir? Sie ist nicht an einen geografischen Ort gebunden. Zimmer wechseln...bei Bowles meinen Hut vergessen... was passiert, wenn in seinen Büchern das Licht verschwindet?
Parallelen zu einem (unvollendeten) Filmskript von mir mit dem Titel DIE BLAUEN NÄCHTE... es hat Casablanca als Schauplatz... ich werde es überarbeiten & mit meinen Erfahrungen hier anreichern... Fiktion & Realität überlagern sich & gehen eine osmotische Beziehung ein, aber am Schluss steht der Text allein...
Parallelen zu den BLAUEN NÄCHTEN: Absurd die Vorstellung, sich auf unverbrämte, spielerisch-obszöne Motive einzulassen. Vermutlich habe ich mehr an das Thema "erotische Wahlverwandtschaften" gedacht. Aber seitdem hat der fundamentalistische Krieg der 80er & 90er Jahre gegen den Sex einen Gebrauchsgegenstand aus Erotik & Geschlechtlichkeit gemacht. Sogar seinen Warencharakter hat er verloren. Man könnte glauben, Sex sei etwas zum Anfassen...
Der geplante Film kommt also nie zustande, aber das Team amüsiert sich (auch sinnlich, indem sich etwa das Skriptgirl mit dem marokkanischen Fahrer einlässt). Die Mitglieder des Teams spielen wahllos verschiedene psychologische Verhaltensmuster durch. Regisseur & Produzent sind Selbstverwirklicher. Sie dirigieren ein unsichtbares Orchester & geniessen den lautlosen Applaus (tatsächlich werden sie nicht ernst genommen). Sie schwelgen in tonloser Musik, & die Kamera liesse sich mit einem Flugzeug vergleichen, das nie den Boden verlässt, weil seine Funktionstüchtigkeit ständig in Frage gestellt wird. Keiner traut dem Kasten.
Die Groupies versuchen die Gelegenheit zu nutzen, eine weitere Stufe ihrer Karriereleiter zu erklimmen. Teilhaben an einem erfolgversprechenden Unternehmen, ist Bedeutung aufsaugen. Groupies geben sich hin, um sich mit der Energie eines imaginären Ereignisses aufzuladen. Sie sind ideale Fellatrizen. Sie wissen, wer zimperlich ist, wird nie im Glanz der Branche erstrahlen...

Vielleicht ist Tanger auch ein Ort für Leute, die sonst nirgends Fuss fassen. So gesehen ist es die ultimative Fluchtstadt. Da ist der Industrielle, der Musik aus den 60er Jahren hört. Da ist der Mann, der zwischen Frankfurt & Tanger pendelt & eine Wohnung hier hat. Pamela glaubt zu wissen, dass er dunkle Geschäfte macht. Unsichtbare Menschen, die nie ganz 3dimensionale Form angenommen haben & sich deshalb durch die Realität wie durch Theaterkulissen schlagen. Die krampfhaft nach einem Beweis für ihre Rolle im Leben Ausschau halten. Nach jedem Misserfolg werfen sie sich auf das nächste aussichtslose Unterfangen. Verlierer, weil sie nichts zu geben haben...
In Tanger lassen sich solche fiktiven Biografien aufrechterhalten. "Oh, er hat eine Wohnung in Tanger!"
"Nein, der ist nach Tanger abgereist." Aber wenn man in Tanger nachfragt, ist er dort nie angekommen...
Aber der Reiz des Exotischen ist längst verloren gegangen. Nicht mal touristisch spielt es noch eine Rolle. Tanger ist eine Durchgangsstation, & der Drang, es zu verlassen, kaum dass man angekommen ist, ist stark. Es gibt hier nichts zu entdecken, es gibt keine Atmosphäre, weder auf den Strassen, noch in den Cafés oder Restaurants. Die Neubauviertel wachsen, das ist alles. Eine Stadt wie eine Insel, die steuerlos zwischen Europa & Afrika treibt. Das Wasser ist kalt, die Bucht verschmutzt, & am Schluss ist nur das Licht geblieben, ein Licht, das den Blick bündelt & ihn auf unerreichbare Fernen richtet.