Silvester in der Bar des El Minzah. Die Drinks sind schlecht, so schlecht, dass ich nicht bis Mitternacht durchhalte. Nebenan, im Dining Room, ein Bankett mit lauter Musik, & soweit zu sehen ist, tritt auch ein Zauberer auf. Eine Szene wie ein Abziehbild von Neujahrsfeiern sämtlicher besserer Hotels zwischen Beirut & London. Ein schwarzer Anzug gehört dazu & der Entschluss, die Stunde des Jahreswechsels standesgemäss zu verbringen, so wie man es bei Hochzeiten & Beerdigungen tut. Für Leute, die sich nichts dabei denken, dass sich ihr Leben in erstarrten Ritualen abspielt...

Nachts träume ich, dass ich mich auf einen Film eingelassen habe, der in Paris spielt. Ich bin nie da, wo das Team gerade Aufnahmen macht. Es ist so, dass ich vor Paris fliehe, die vielen Einzelbilder & szenischen Fragmente erschlagen mich, & gleichzeitig flieht das Filmteam vor mir. Es ist derart desorganisiert, dass wir uns niemals auf derselben räumlichen Ebene treffen. Der städtische Raum ist so vielschichtig, dass er auf einen einzigen Punkt zustürzt, & das ist der Fluchtpunkt des Verschwindens...

Ich bin nicht nach Tanger gekommen, um eine lang geplante Geschichte zu schreiben. Das Café de Paris ist die erste Station auf einer Fahrt durch ein Kaleidoskop orientalischer Bilder. Ich muss nur auf den entsprechenden Einstieg warten. Alles kann passieren, sogar dass ich einem Schlepper in die Hände falle, der mir die "Medina der Medina" zeigen will.
Ahnt er, dass ich nicht auf Sehenswürdigkeiten aus bin, dass mir touristische Neugierde fremd ist?
Nein, um sein Gegenüber kümmert er sich nicht (ich bin überzeugt, dass er mich als Opfer betrachtet, das er erledigen will). Er glaubt, er kann die Oberhand gewinne, indem er meine Haltung ignoriert. Er will sich als Führer ins Innere der unsichtbaren Stadt verdingen. Jeder weiss, dass es sie nicht gibt, aber er versteht es, die Neugierde & das Fremde der Kulisse geschickt für seine Absicht zu nutzen.
"Wissen Sie, warum die Einrichtung hier französisch ist?"
(Sie ist es nicht, aber soll ich mit ihm darüber streiten, dass sie es nicht ist?)
Wie abgedroschen & enttäuschend solche Szenen sind, die ich in verschiedenen Variationen immer wieder erlebt habe. Sogar das Gesicht des Mannes, der sich neben mich gesetzt hat, kommt mir bekannt vor. Hat er sich nicht letzte Woche in Kairo an mich herangemacht, um mir einen Teil des Basars zu zeigen, in den sich angeblich noch kein Tourist verlaufen hat? "Alles sehr billig."
Die Verlorenheit der Stadt verschwindet im Fluss der Geschäftigkeit...
Versteckte Blicke, wobei der Zeitbegriff eine Frage des Trainings ist. Ich ertappe mich dabei, dass ich versuche, schneller zu sehen als andere. Ich sehe sie, bevor sie mich sehen.

Yasmin taucht nicht mehr auf. Ich habe sie aus den Augen verloren. Manchmal glaube ich sie zu entdecken, etwa wenn sie am Flughafen in einer Schlange nur wenige Meter vor mir steht. Als sich die Frau, die ich für Yasmin halte, zur Seite dreht, erkenne ich meinen Irrtum.
Ein andermal sitze ich in einem Café & bilde mir ein, dass sie draussen, auf der anderen Seite der Strasse, vorbeigeht. Als ich die Tür erreiche, ist sie verschwunden...
Nachts in der Medina. Die Mauern atmen Hitze. Die Gassen sind kahl ohne die Waren, die sich untertags vor den Geschäften türmen.
Dass das Hotel Rif im Krieg Hauptquartier deutscher Agenten war, erfahre ich erst später. Sicher liesse sich daraus eine abtrünnige Geschichte konstruieren. Abtrünnig dem geschichtlichen Geschehen gegenüber...
Ich sehe einen Deutschen mit Zigarettenpapier spielen. Ich ahne, was er vorhat. Er wird mir eine Gedrehte anbieten & beiläufig ein Gespräch anfangen. Woher, wieso, wohin? Aber ehe er mit seiner Dreherei fertig ist, bin ich verschwunden...
Erst auf zweiten Blick fällt auf, dass die Bar des Hotels mit einem Moskitonetz verhangen ist. Wie ein riesiges Spinnennetz umschliesst es Tische, Stühle & Flaschen. Wer lang genug hier sitzt, dem kann es passieren, dass er langsam eingesponnen, bewegungslos & zu leichter Beute wird. Der Geist von Tanger, der niemand mehr loslässt, der einmal mit seinen unsichtbaren Fäden in Berührung gekommen ist...
Die Hotelhalle ist leer, ausgestorben. Wie angenehm, ein Gefühl von Abwesenheit zu spüren, sich im zerstörerischen Muster von Unterhaltungen wiederzufinden, die nie geführt wurden. Ihr Echo geistert durch die Gänge, lässt sich nicht reproduzieren.

Ohne Aussicht auf Kühlung die Fensterläden schliessen. Eine Phantomstadt, Delirium...
Ich lege mich hin & sehe, dass Tinte ins Zimmer eindrungen ist. Ich mache Licht & entdecke, dass meine Hände blau gefärbt sind, die Wände verschmiert. Das ist der Regen. Auch bessere Hotels verschont er nicht.
Das Eigentliche in einer Pause unterbringen. Mit ruhelosem Blick, der zwischen den Zeiten springt, die Zerstörung der magischen Silhouette aufspüren. Wer wachsam & gelassen ist, kann den Schatten entdecken, den sie wirft. Nachts, wenn die Strassen leer sind & die Mauern & Portale etwas von ihrer Erinnerung preisgeben...
Wohin, wohin?
Verschwunden, verschwunden, antworten sie. Der Reisende muss sich daran gewöhnen, sich mit Spuren zu begnügen. Wenn nichts anderes, dann ist der Besuch in der Stadt eine Übung, sich zu bescheiden. Was immer der Beobachter findet, erst später wird er entdecken, was es ist, & dann, im Rückblick, wird ihm klar, was er damit anfangen kann. Wie ein Maler, für den eine bestimmte Farbe plötzlich eine andere Bedeutung hat.

(Einen Abend lang höre ich Gnawa-Musik & spüre die Kraft, die zwischen Körpern ist. "Geh zurück. Wir haben keine Angst mehr vor dir. Deine Kraft ist in uns." Vielleicht ist reden umsonst, & Musik transportiert alles, was es zu sagen gibt.)
Das Wissen um Wüste: erleuchtet, doch bodenständig, asketischen Regeln unterworfen...
Das Ziel von Ports & Kits Reise ist ein anderer Film, & sie wissen, dass sie ihn nie erreichen werden. Es ist der Himmel & sein Licht, der sie von ihm trennt.
Die Feindseligkeit der Worte überleben...
Die Story, die das Buch des Lebens enthält, wird tödlich enden. Augenblicke, in denen mir klar wird, dass jede Gefahr ein Trugbild ist. (Galaktische Männer in Anzügen, die mich wie Filmschauspieler betrachten. Sie agieren nur, wenn sie vor der Kamera stehen. Kosmischer Irrsinn, & der Geruch von Holzkohlenfeuer, der sich langsam verflüchtigt...)
Unterwegssein auf der Suche nach Oasen. Paracelsus-Farben. Die Kontraste reduzieren sich auf abendliche Schwarzweiss-Bilder...